Ein Tag im Leben einer Kaminfegerin

Katharina Schäfer (35) ist Kaminfegerin. Manchmal bieten ihr wildfremde Menschen an, einen allfälligen Lottogewinn zu teilen.

Katharina Schäfer: «Als Frau bringt es doppelt Glück!» (Foto zVg)

Ich stehe meist schon kurz vor sechs Uhr auf und trinke bloss einen Kaffee. Das Frühstück esse ich später zwischen zwei Kundenterminen im Auto. Wenn ich dies schon zu Hause tun würde, müsste ich noch früher aufstehen.

Mein Mann bringt unsere zwei Kinder in die Kita, denn gegen sieben Uhr bin ich schon bei den ersten Kundinnen und Kunden. Ich reinige Kamine und mache für Öl- und Gasheizun- gen Feuerungskontrollen. Das heisst, ich muss prüfen, ob die Grenzwerte für die Emissionen nicht überschritten werden.

Schweigen beim Kaffeetrinken

Fegen gehört natürlich auch zu meiner Arbeit. Glänzt eine Holzheizung, die extrem schmutzig war, nach getaner Arbeit wieder, macht dies viel Freude – weil man sieht, was man gemacht hat. Zudem liebe ich den Kontakt mit den Kundinnen und Kunden. Einige wollen reden und offerieren mir einen Kaffee.

Dafür nehme ich mir gerne Zeit, zum Beispiel, um mit einer älteren Dame zu plaudern, die sonst viel allein ist. Es gibt aber auch Leute, die am Tisch sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Dann frage ich mich schon, warum sie mir einen Kaffee servierten.

Ein schwarzer Zylinder zum Lehrabschluss

Aufgewachsen bin ich in Deutschland, in Sachsen-Anhalt, bereits mein Grossvater war Schornsteinfeger. Als Kind habe ich Anmeldekarten gestempelt und meiner Grossmutter geholfen, die Rechnungen zu verschicken. Meine Lehre als Kaminfegerin machte ich in Halle an der Saale. Zum Lehrabschluss erhielt ich meinen schwarzen Zylinder, den ich auch heute noch zur Arbeit trage.

Meistens arbeite ich vom Keller aus, wo die Heizungen stehen. Ab und zu muss ich aber auch aufs Dach. Einmal rutschte mir beim Hinaufsteigen die Leiter weg – ich fiel von drei Metern zu Boden. Ich hing wohl zu viel meinen Gedanken nach. Ich verletzte mich zwar nicht ernsthaft, dies war aber ein Grund für mich, in die Schweiz zu übersiedeln, hier darf man nicht ungesichert auf ein Dach steigen.

Unser Geschäft, die Fred Senn AG, befindet sich in Basel. Wir sind für die Feuerungskontrollen in den drei Gemeinden Münchenstein, Muttenz und Reinach zuständig, das sichert uns ein Auftragsvolumen. Wir bedienen aber Kundschaft in der ganzen Region Basel. Seit wenigen Jahren bin ich stellvertretende Geschäftsführerin, deshalb mache ich auch die Einsatzpläne.

Wo gehobelt wird, fliegen die Späne

Ich erlebe die Menschen in der Schweiz als recht offen. Einige werden jedoch rasch ungeduldig, wenn man ein paar Minuten zu spät kommt. Jemand hat sich mal beschwert, dass die Wand trotz Abdeckband leicht schwarz geworden sei. Wo gehobelt wird, fliegen halt die Späne!

Die Leute sind immer wieder überrascht, wenn statt eines Kaminfegers eine Kaminfegerin bei ihnen vor der Tür steht. Die meisten reagieren aber positiv, nur wenige machen einen blöden Spruch.

Schornsteinfeger bringen laut dem Volksmund ja Glück. Das kommt daher, dass der Beruf früher zentral war, um Brände zu verhüten. Es kommt vor, dass mich jemand auf der Strasse darauf anspricht, dann sage ich gerne: Als Frau bringt es doppelt Glück! Einige sagten mir schon, sie würden einen allfälligen Lottogewinn mit mir teilen. Aber es hat sich noch nie jemand bei mir gemeldet und das Geld überwiesen.

Leider haben wir Mühe, genügend Nachwuchs zu finden. In unserer Firma bildeten wir 2015 zum letzten Mal einen Lehrling aus. An der Bezahlung liegt es nicht, die ist nicht schlecht.

Dass man schmutzig werden kann bei der Arbeit, schreckt heute viele ab. Wer sich gründlich duscht, wird aber schnell wieder sauber. Wegen des zunehmenden Einbaus von Wärmepumpen braucht es jedoch insgesamt weniger Kaminfegende.

Am Abend zu Hause schaue ich gerne mit meinem Mann einen Film. Zweimal pro Woche gehe ich ins Fitnessstudio, ab und zu auch in die Kletterhalle. Um 22 Uhr steige ich meist ins Bett. Allfällige Sorgen aus dem Beruf plagen mich dann nicht mehr, ich habe einen guten Schlaf.

Dieser Text ist in «Das Magazin» der Tamedia-Zeitungen (Rubrik «Ein Tag im Leben») erschienen. 

 


 

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